Grabschrift eines Hundes

Die Diebe lief ich an, den Buhlern schwieg ich stille
So ward vollbracht des Herrn und auch der Frauen Wille.

Max Kalbeck (1850-1920)

Grabschrift eines Advokaten

Hier ruht ein seltener Advokat,
der Unrecht nie vertrat, und tat
Und Eintracht jedermann empfahl –
Er starb im Hospital.

Johann Andre (1741-1799)

zweite Grabschrift eines Totengräbers

„Wer andern eine Grube gräbt“ –
Dies Wort mag trefflich sein;
Doch: wer sie aus der Grube hebt,
Auch der fällt meist hinein.

Ernst Freiherr von Feuchtersleben (1806-1849)

Grabschrift eines Totengräbers

Der Mann hat achtzig Jahr gelebt,
Und scharrt manchen ein;
Wer andern eine Grube gräbt,
Fällt endlich selbst hinein.

Peter Wilhelm Henslein (1742-1779)

Grabschrift auf einem Lügner

Hier ruht ein Wahrheitfreund;
Wenn dies dir Leser seltsam scheint,
So wisse nur, man schrieb es hier,
Damit die Grabschrift lügt wie er.

Ignaz Franz Castelli (1794-1862)

Grabschrift auf einem kleinen Dieb

Die Asch‘ eines Diebes liegt hier in diesem Krug,
Ihn ließ der Senat seines Städtchens verbrennen;
Der Mensch hat noch nicht gestohlen genug,
Um seine Unschuld beweisen zu können.

(Ignaz Franz Castelli 1781-1862)

Karriere

Er stieg von Amt zu Amt mit stetem Glück,
Verkehrte höflich selbst mit Erzhalunken,
Wich freundlich hier und freundlich dort zurück –
Und so ist er gemach emporgesunken.

(Otto Ernst 1862-1926)

Grabschrift

Hier unter diesem Stein liegt Lysimon, der Rat
Und tut noch jetzt, was er sein ganzes Leben tat;
Hier unter diesem Stein schläft Lysimon der Rat.

(Heinrich Wilhelm von Stamford 1740-1807)

Einem Volksredner

Unmöglich wars, ihn je zu unterbrechen,
Sein glattes Mundwerk ging in einem fort;
er sprach und sprach und würd heut noch sprechen
Wenn nicht der Tod entzogen ihm das Wort.

(Max Kalbeck 1850-1921)

Einem Beamten

Wie gerne ließ er sich vertreten,
Der nun in kühler Erde ruht.
Vielleicht, indess wir für ihn beten,
Liegt drunten nur ein Substitut.

(Max Kalbeck 1850-1921)

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